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Datum: 03.12.2021

Die Haubergs-Obstwiese wird zum Lehrmeister

LEADER-Projekt in Wiederstein lädt die Sinne ein

Ihre kulturhistorische Bedeutung für das Siegerland und darüber hinaus ist einzigartig. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, das Kleinod in Neunkirchen-Wiederstein zu bewahren, und darum liegt es nicht nur Wiedersteiner Heimatfreunden am Herzen, sie zu erhalten und weiterzuentwickeln. Die Rede ist von der Haubergs-Obstwiese in Wiederstein. Der Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins Wiederstein, Dieter Diehl, machte vor zehn Jahren auf dem Bauern- und Ökomarkt das Ehepaar Theo und Mechthild Morgenschweis auf die rund 120 Jahre alte Obstwiese aufmerksam. Mit Hilfe von LEADER-Mitteln ist hier ein Ort entstanden, an dem Kulturlandschaft erlebt und Natur als umfassende Sinnerfahrung wahrgenommen werden kann.

„Die ältesten der ca. 120 Obstbäume, etwa die noch immer tragenden majestätischen Luxemburger Renetten, sind seit 125 Jahren auf dem 1,2 Hektar großen Gelände verwurzelt. Vorwiegend Apfel-, aber auch einige Birnbäume wachsen hier“, erzählt Projekt-Koordinator Theo Morgenschweis. Als Pomologe, also Apfelfachmann, erkannte er die Bedeutung des Kulturraums sofort. Die Aktiven des Heimatvereins waren auf ihn zugekommen, überzeugt von dem Gedanken, die historische Obstwiese – in Wiederstein „Obstgoarde“ genannt – zu bewahren und weiter zu entwickeln. Ein emsiges Team aktiver Heimatfreunde kümmert sich bereits um den „Erlebnisweg Luisenpfad“, die Kapellenschule und zahlreiche Projekte mehr. Und auch bei der Obstwiese lautete der Tenor der Akteure sofort: „Packen wir’s an“.

Wer ein wenig eintaucht in die Apfelkunde, die Pomologie, kann Spannendes entdecken: Alte Sorten wie „Prinz Albrecht von Preußen“, „Goldparmäne“, „Grahams Jubiläum“ oder „Harberts Renette“ wachsen auf dem leicht ansteigenden Areal. Ein Standort, der vor 120 Jahren aufgrund seiner Bodenbeschaffenheit, der Neigung und Himmelsrichtung ganz bewusst gewählt wurde. Auf diese Weise sorgten die Haubergsgenossen seinerzeit dafür, dass die Bevölkerung gesundes Obst nicht teuer aus dem Rheinland kaufen musste. Von Allergikern können zahlreiche der hier wachsenden 25 Apfelsorten ohne Probleme genossen werden – ganz im Gegensatz zu den heutigen Marktsorten, die süß-säuerlich schmecken und form- und farbgerecht den Käufer ansprechen sollen. So unterschiedlich und klangvoll die Namen der alten Sorten, so individuell ist ihre Verwertung und Verwendung: Da ist der Apfel zum Rohverzehr, der Backapfel, der sich für den Kuchen eignet, die Apfelsorte, die am besten zu Apfelmus verarbeitet werden kann und jene, die als Saft ihre vorzügliche Bestimmung findet.

Doch die robusten Bäume in Wiederstein tragen nicht nur Jahr für Jahr vielseitig verwendbare Früchte, sie und ihr Umfeld bieten zudem zahlreichen Tieren einen perfekten Lebensraum: Insekten besuchen die Blüten, um Nektar zu sammeln, Vögel, darunter drei verschiedene Spechtarten, bauen hier ihre Nester. „Im Frühjahr und Sommer entsteht hier ein Blütenmeer, besucht von zahlreichen Wild- und Honigbienen. Noch idyllischer wird es, wenn die Schafherde des ortsansässigen Schäfers hier Station macht“, schwärmt Dieter Diehl, der Vorsitzende des örtlichen Heimatvereins.

„In Zeiten eines rasant zunehmenden Insektensterbens leistet die Haubergs-Obstwiese einen großen Beitrag, um die Biodiversität zu erhalten“, erklärt Theo Morgenschweis. Er hat den Baumbestand in den vergangenen Jahren kartiert und die Sorten bestimmt. Durch die vegetative Vermehrung mit Edelreisern auf Hochstammunterlagen gelang es, die alten Sorten zu erhalten und nachzupflanzen. Die Aktiven des Heimatvereins errichteten auf dem Gelände einen Steinhaufen für Eidechsen und Blindschleichen, Totholzhaufen für Kröten, Insekten, Vögel und das Mauswiesel sowie ein Insektenhaus als Brutplatz für Wildbienen, Hummeln oder Ohrwürmer. Im Wassertümpel finden Frösche und Libellen einen Lebensraum.

Die hölzerne Sitzgruppe am „Eingang“ zur Wiese sowie eine Informationstafel hatten die Heimatfreunde bereits vor einigen Jahren aufgebaut. Im Zuge des LEADER-Projekts warteten schließlich noch ca. 240 Pfähle aus Robinienholz und der Wildschutzzaun darauf, das Gelände einzufrieden. Rund 700 Stunden ehrenamtliche Arbeit flossen in das Projekt, das mit der Unterstützung der LEADER-Region 3-Länder-Eck mit knapp 21.000 Euro an EU- und Landes-Mitteln gefördert wurde. Davon konnten neben dem Wildschutzzaun u.a. Baumschutzgitter, eine Obstpresse, ein Dörrgerät, Lehrtafeln und Flyer angeschafft werden. „Das Ehepaar Morgenschweis und die aktiven Mitglieder des Heimatvereins treiben dieses Projekt mit viel Herzblut und Sachverstand voran“, konstatierte die Vorsitzende des Regionalvereins LEADER-Region 3-Länder-Eck, Roswitha Still. „Ihrem ehrenamtlichen Engagement ist es zu verdanken, dass dieses seit vielen Generationen bestehende Idyll auch kommenden Generationen als Lehrbuch zum Anfassen, Riechen und Schmecken zur Verfügung steht.“

Den Spaziergängern und Wanderern sollen die vielen interessanten Informationen mittels der Lehrtafeln sowie verschiedener Flyer vermittelt werden. Für Kinder und Jugendliche ist hier ein außerschulischer Lernort entstanden. Und mit der Grundschule Neunkirchen hat man einen Kooperationspartner gefunden, mit dem regelmäßige Exkursionen realisiert werden. Gemeinsam werden die Früchte gepflückt und weiterverarbeitet, z. B. direkt auf der Wiese zu Apfelsaft gepresst. So wird der Apfel als der Tausendsassa wahrgenommen, der er in kulinarischer Hinsicht ist. Die Akteure wird das Projekt weiterhin beschäftigen. Ihre Motivation ist angesichts des großen Potenzials, das die Obstwiese birgt, ungebrochen.
Die Haubergs-Obstwiese zählt zu den letzten von seinerzeit zwölf genossenschaftlich genutzten Obst-Wiesen im Siegerland. Die preußische Obrigkeit erlaubte den Haubergsgenossenschaften im Jahr 1879, einen Teil ihrer Flächen in Obstwiesen umzuwandeln. „Bis in die 1980er Jahre hinein wurden die Früchte vor Ort versteigert“, weiß Dieter Diehl zu berichten. Später seien dann gegen ein Entgelt ganze Bäume zum Abernten vergeben worden. Pläne, die Obstwiese zu roden und mit Nutzholz zu bepflanzen, vereitelte damals Haubergsvorsteher Richard Gräf – und darüber sind heute alle Beteiligten außerordentlich froh.

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